4/02/2015

Crepuscolo

c

Wir halten kurz an einem Kreisel. Schräg gegenüber liegt das „beste Café Cagliaris“, Paolo will noch einen Espressos trinken, bevor wir losfahren. Hinter der Glastür eine Wiener Kaffeehausatmosphäre, adrett gekleidete Menschen an kleinen Tischen, auch die Bedienung in Blusen und Zwirn, goldene Beleuchtung. An der Decke hängen Spiegel, in den Auslagen an der Theke liegt frisches Gebäck, dahinter wird mühevoll Kaffee zubereitet. Nachdem Paolo seine Tasse geleert hat, steigen wir wieder in den Jeep, fahren am Hafen vorbei und schließlich auf die Autobahn. Sie führt durch das vorstädtische Industriegebiet und vorbei an den Flamingos. Aus meinem Fenster schaue ich nach draußen, da reihen sich Berge, übersät mit grünen Büschen und Bäumen, aneinander. Wir reden über alles Mögliche, die Sprachbarriere baut sich mit den Kilometern, die wir zurücklegen, ab. Wie viele das sein werden, weiß ich nicht. Paolo hat mir nicht gesagt, wo wir hinfahren, nur dass er mir das Meer zeigen will, das richtige. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, schließlich ist die ganze Insel von Wasser umgeben, die lange Küste eine zehnminütige Busfahrt entfernt; besser als alles, was ich gewohnt bin.

c

Wir kommen an einen Strand, zunächst denke ich, wir sind am Ziel. Doch wir biegen auf einen Steinweg ab, der relativ zu Beginn ein Schild an seiner Seite hat, das deutlich markiert, dass man ab hier nicht mehr mit dem Auto weiterdarf. Doch Paolo fährt, und fährt, bergauf und über Stein. Er sagt, er wolle gucken, wonach, verstehe ich nicht.

c

Irgendwann erscheint ein Leuchtturm, der Weg ist endgültig zu Ende. Wir öffnen die Autotüren und lassen sie unverschlossen. In der Ferne liegen kleine Steinketten mitten im blauen Meer, zu meinen Füßen Sandsteinwege, Bäumchen, eine kleine Bucht. Überall blau an blau, ein wolkenloses und eins mit glitzernden Flächen. Uns entgegen tauchen nach einer Weile einige Touristen auf, Italiener seien hier nicht um diese Jahreszeit, sagt Paolo. Er erklärt mir alles, was wir sehen und er dazu weiß. Capo Spartivento heißt dieser Ort, es bedeutet so viel wie Scheideweg.

c

c

c

c

c


Als wir den Berg wieder runterfahren, hält Paolo plötzlich an. Er nimmt sein iPhone zur Hand, schaltet den Google Translator an und lässt sich in aller Ruhe seinen Gedanken auf englisch übersetzen: juniper. Ich verstehe dennoch nicht, stelle auf italiano-tedesco um und begreife: Wacholder. Paolo lässt seine Fensterscheibe runter, greift einen Ast und sagt, das seien ganz typische Pflanzen für Sardinien.

c

c

t

 Wir fahren die Straße weiter nach Tuarredda. Von weitem sieht man eine Bucht mit türkisfarbenem Wasser. Wir parken und nach einigen Schritten sehe ich es aus der Nähe. Das Wasser ist klar, soweit ich blicken kann, dann irgendwann wird es dunkelblau, und dahinter liegen immer mal wieder bebäumte kleine Felsen. Gerade ist alles grün, sagt Paolo. Er mietet zwei Liegen mit Schirmen, weil er ein alter Mann ist, wie er sagt. Er sieht noch jung aus für 59, obwohl er graue Haare hat, seine großen braunen Augen leuchten. Auf seinem Telefon zeigt er mir ein Bild von sich mit 30, dann ein anderes mit 20. Wir reden über seine Ehe und seine Beziehung mit Gaia, ich erfahre, dass sie viel streiten und diese Liebe nicht einfach ist. Er hat viele, er googelt wieder, dubbio – Zweifel, neigt dazu, zu viel nachzudenken.

Wir gehen schwimmen. Das Wasser ist angenehm. Ich treibe ziellos lange im hellen Türkis. Ich schaue auf die begrünten Felsen und denke: Heute ist der sechste Oktober, es ist Herbst – und ich treibe in einer Mittelmeerbucht und fühle mich wie in der Karibik. Ich glaube, ich habe nie in schönerem Wasser gebadet.

t

t

Zurück auf den Liegen liest Paolo, während ich schreibe und so kommen wir auf Literatur zu sprechen: Mann und Bukowski, Dostojewski und Hesse. Und Proust, sein Liebling. Ich denke an Herrndorf und wie er gerade erst vor einigen Seiten darüber schrieb, dass die Hälfte seiner Fußballkumpels Proust komplett gelesen habe. Und das, wo sie sich vom Fußball kennen, und nicht durch etwas mit Geist!“. Wir reden über die Beat Generation und Geschwister, die wir beide nicht haben.

t

Um halb drei gehen wir essen. Ich entscheide mich für den Salat, wir trinken beide einen Weißwein und reden über seine Kinder, die sich jetzt, wo sie älter werden, nicht mehr sonderlich für ihn interessieren. Man sieht ihm die Enttäuschung darüber an. Er lacht viel, wenn wir spaßen und auch am Telefon, aber schaut konzentriert und bestimmt, wenn er liest oder eine Frage stellt.

Ich lerne, was Käse auf italienisch heißt, formaggio, und mehr über die Hartarbeitenden im Norden Italiens und „dolce vita“ im Süden. Paolo erzählt mir Dinge über die Mafia, wo es das beste Essen gibt und wo sehenswerte Architektur. Wenn er etwas mag und dem Ausdruck verleihen will, sagt er „too much, too much“ statt „very much“. Ich würde ihm gern sagen, dass man Dinge nicht zu sehr mögen kann.

Am Nebentisch sitzt eine russische Familie mit zwei blonden Jungs. Ich lächle den einen an, er guckt so ernst und niedlich zugleich. „Do you like kids?“, fragt Paolo. Ich bejahe. Er nicht. - „But you do have two of them“, sage ich. „Yes, I like my own ones.“ – Er schiebt nach: „I like kids, but only if they're intelligent.“ Das trifft seinen Charakter auf den Punkt.

t

t

Als wir auf dem Rückweg sind, halten wir in Domus de Maria an. Wir hatten beim Mittagessen über Feigeneis gesprochen und als plötzlich ein Obststand mitten im Nichts auftaucht, parken wir und Paolo sagt, er kaufe jetzt ein paar Feigen für T, die soll ich ihm mitnehmen.

Wir fahren einige Zeit die Straße weiter, an einem Feigenwald vorbei, und dann rein in eine Straße, die nach Pula und dann weiter nach Nora führt. Hier duftet es warm und nach Regen und frischem Rosmarin. Ich frage, was wir in Nora machen – die alte Stadt angucken, antwortet Paolo.

In Nora angekommen, muss ich zunächst einmal auf die Toilette und meine Hände waschen. Wir laufen ein Stück, an einem ruhigem, hellblauem Meer vorbei, an Palmen und streunenden Katzen. Die Gegend ist so verlassen und friedlich, dass ich mich wundere, dass wir in einer Stadt sind. Hinter einem kleinen Lädchen endlich fließendes Wasser. Als ich wiederkomme, steht eine Frau neben Paolo und ich bekomme einen Audioguide in die Hand gedrückt.

Und nun verstehe ich: die Stadt der alten Römer. Wenige Meter weiter liegen Thermalbäder, man kann ganze Mosaikböden und Marmorreste erkennen, ich lausche aufmerksam. Umgeben sind diese Ruinen von Landschaftsgemälden. Meine Filmrollen sind voll, meine Handykamera hat ihren Geist aufgegeben, also muss ich immer wieder von den Steinflächen aufschauen, um so gut es geht alles in mir zu archivieren. Paolo vermutet bestimmt, ich interessiere mich nicht für die Geschichte, weil ich ständig auf das Wasser und den Himmel starre, aber sie sind mindestens genauso spektakulär und außergewöhnlich. In der Ferne ein Turm, die Wolken rosa, alles in Pastell getaucht. Auf der anderen Seite geht hinter den Bergen die Sonne unter.

Als die Tour zu Ende ist, strahlt etwas in mir. Ich streiche Paolo über die Schulter und sage: Danke, dass du mich mitgenommen hast. - Ach, für ihn war das auch ein Tag Urlaub, sagt er. Der Himmel ist blau, das Wasser ruhig. Diese Stunde nennen die Italiener crepuscolo, erzählt er mir. Es war die Zeit, in der Leonardo da Vinci gemalt hat. Das überrascht mich gar nicht.

Wir sitzen im Auto, die letzten zwei Zigaretten werden geraucht. Draußen ist es jetzt dunkel, ich überlege: Ich glaube, das war der beste Tag des Jahres, fast. Ich merke, dass der Kreisverkehr hier anders läuft, man blinkt links, wenn man drinnen bleibt und macht nichts, wenn man rausfährt.


Rechts liegt das Meer. Von der Autobahn, auf der wir uns befinden, gibt es keine Absperrung dahin. Streckenweise fahren wir auf einer plankenlosen Straße, ich finde das bedenklich, aber es passt hervorragend in diesen Tag. Über dem matten Meer scheint der Mond und wirft weißes Licht auf die grobe Wasserstruktur. Wenn Paolo wüsste, was Autofahren im Dunkeln für mich bedeutet – wirklich woanders sein und es in diesem Moment zu begreifen –, es ist der denkbar beste Abschluss des Tages. Wir fahren vorbei an riesigen Industriekomplexen, an einem mintgrünen Riesengebäude mit länglichen, diagonalen Leichtröhren, dahinter das Wasser, und irgendwann kommt der Hafen.

3/12/2015

Überreste

Die Luft draußen ist frischer denn je, dem Regen von gestern geschuldet. Ich habe das Fenster auf zum Lüften, meine Augen sind noch verschlafen. Durch die mangelnde Helligkeit fehlt mir mein Halbschlaf. Ich erinnere nie richtig, was ich geträumt habe. Heute Nacht allerdings blieb ein Satz, wie als Botschaft, hängen.

Über die leeren Straßen bewege ich mich Richtung Norden, die Stadt ist wie ausgestorben. Ich weiß nicht, ob es die Zeit ist, oder der Sonntag, oder ob einfach alle am Strand sind. Die Autos hier in der Via Azuni sind im unteren Drittel mit angetrocknetem Schlamm beschmutzt. Wahrscheinlich Überreste von dem überbordenden Regen gestern.

m

(...)
Ich sitze an einem Platz, den ich neulich für schön befunden habe. Der Mann, der an jenem Tag schon hier saß, auf der Bank unter dem Baum, ist wieder da. Ich setze mich auf eine andere Bank und lese. Inzwischen auf Seite 196 angekommen, schreibt er: „Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.“ Das liest sich, als schriebe er schräg gegenüber auf, was ich in den Händen halte.

Cagliari, Oktober 2014.

3/11/2015

Zugezogen

b

Ich mag das Grau, das Halbdunkle, das sich gerade über die Stadt legt; und auch, dass ich keine der Stimmen um mich herum verstehe. Die Lichter gehen langsam an, einige Straßen sind überflutet. Ich merke, dass sich alles in ein anderes Licht legt, dass es abgewrackter und menschlicher wird, auf gute Weise: ohne die verschleiernde Sonne, und mit dem verregneten Knick.

3/09/2015

Dahinter

o

Der Spaziergang durch die Gassen um diese Zeit war eine kleine Reise. Hinter den Türen und Gardinen klapperten die Töpfe, es roch köstlich nach Tomaten und Basilikum, Leute redeten, machmal schrien sie, im Hintergrund lief italienisches Fernsehen oder Radio. Mein Gefühl sagte, keiner ist allein.

Auf den Leinen vor den Fenstern flatterte sachte die Wäsche, in den Briefkästen die Werbeprospekte, auf den Straßen nur Touristen.

Cagliari, Oktober 2014.

3/03/2015

Saint Remy

b

Die Tassen sind klein und unhandlich, das Wasser muss man auf dem Herd kochen. Man gewöhnt sich so. (…) Nachmittags saß ich draußen vor meiner Wohung auf der Bank und las. Herrndorf. Struktur und Arbeit. Gedanken darum, wann und wem man wovon erzählen sollte. Um mich herum redeten die Leute. Es ist schön, das Temperament zu spüren. Zu merken, dass diese Menschen bewegt werden. Ständig und durch Kleinigkeiten. Wie schnell der Puls schneller wird, wie man kurz anhalten muss, wie die Stimme lauter wird und entschlossener.

r

Nun sitze ich schon wieder an der Bastione di Saint Remy. Ich mag die Weite hier.


Cagliari, Oktober 2014.