3/12/2015

Überreste

Die Luft draußen ist frischer denn je, dem Regen von gestern geschuldet. Ich habe das Fenster auf zum Lüften, meine Augen sind noch verschlafen. Durch die mangelnde Helligkeit fehlt mir mein Halbschlaf. Ich erinnere nie richtig, was ich geträumt habe. Heute Nacht allerdings blieb ein Satz, wie als Botschaft, hängen.

Über die leeren Straßen bewege ich mich Richtung Norden, die Stadt ist wie ausgestorben. Ich weiß nicht, ob es die Zeit ist, oder der Sonntag, oder ob einfach alle am Strand sind. Die Autos hier in der Via Azuni sind im unteren Drittel mit angetrocknetem Schlamm beschmutzt. Wahrscheinlich Überreste von dem überbordenden Regen gestern.

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(...)
Ich sitze an einem Platz, den ich neulich für schön befunden habe. Der Mann, der an jenem Tag schon hier saß, auf der Bank unter dem Baum, ist wieder da. Ich setze mich auf eine andere Bank und lese. Inzwischen auf Seite 196 angekommen, schreibt er: „Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.“ Das liest sich, als schriebe er schräg gegenüber auf, was ich in den Händen halte.

Cagliari, Oktober 2014.

3/11/2015

Zugezogen

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Ich mag das Grau, das Halbdunkle, das sich gerade über die Stadt legt; und auch, dass ich keine der Stimmen um mich herum verstehe. Die Lichter gehen langsam an, einige Straßen sind überflutet. Ich merke, dass sich alles in ein anderes Licht legt, dass es abgewrackter und menschlicher wird, auf gute Weise: ohne die verschleiernde Sonne, und mit dem verregneten Knick.

3/09/2015

Dahinter

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Der Spaziergang durch die Gassen um diese Zeit war eine kleine Reise. Hinter den Türen und Gardinen klapperten die Töpfe, es roch köstlich nach Tomaten und Basilikum, Leute redeten, machmal schrien sie, im Hintergrund lief italienisches Fernsehen oder Radio. Mein Gefühl sagte, keiner ist allein.

Auf den Leinen vor den Fenstern flatterte sachte die Wäsche, in den Briefkästen die Werbeprospekte, auf den Straßen nur Touristen.

Cagliari, Oktober 2014.

3/03/2015

Saint Remy

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Die Tassen sind klein und unhandlich, das Wasser muss man auf dem Herd kochen. Man gewöhnt sich so. (…) Nachmittags saß ich draußen vor meiner Wohung auf der Bank und las. Herrndorf. Struktur und Arbeit. Gedanken darum, wann und wem man wovon erzählen sollte. Um mich herum redeten die Leute. Es ist schön, das Temperament zu spüren. Zu merken, dass diese Menschen bewegt werden. Ständig und durch Kleinigkeiten. Wie schnell der Puls schneller wird, wie man kurz anhalten muss, wie die Stimme lauter wird und entschlossener.

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Nun sitze ich schon wieder an der Bastione di Saint Remy. Ich mag die Weite hier.


Cagliari, Oktober 2014.


3/01/2015

Woanders

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Man merkt, wie unsortiert Sachen sein können und wie gut das manchmal ist. Dass die Straßen nicht immer nur nach links und rechts und geradeaus gehen, sondern eigentlich nur in Kurven, Biegungen und Brechungen und bergauf und bergab. Dass man sich andere Sachen merken muss, um nicht die Orientierung zu verlieren, und man anders auf die Welt guckt. Dass man mehr draußen ist, mehr läuft, Dinge länger anguckt und mehr merkt, von allem.


Cagliari, Oktober 2014.